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JOCHEN KUHN IM INTERVIEW

FÜNF FRAGEN AN JOCHEN KUHN

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Photo: Jochen Kuhn

Was sind für Sie (aktuell) zentrale Aspekte in Ihrem Schaffen?

Es gibt immer formale und thematische Aspekte, die im Zentrum stehen. Formal soll heißen: jede Filmarbeit steht in Bezug auf die vorherige dadurch, dass ich mich frage: was kann ich diesmal anders machen? Oder: welche formalen Mittel will ich diesmal weglassen, welche verstärken, welche wiederholen? Thematisch soll heißen: welches Thema steht zur Debatte. Im Rückblick auf all die Jahre und Filme ist mir aufgefallen, dass ich fast immer zwei Themen hatte, die zusammen kommen. Beim neuen Film ZENTRALMUSEUM sind es Das Erben und Einsamkeit der Wärter im Museum. Im nächsten Film sollen es Gerichtszeichnungen und Der Wahn der Religion sein.

 

KINO DER KUNST widmet sich der fiktiven Narration. Welche Rolle spielt dieses Format / Thema für Sie?

Das wäre mir sozusagen auf den Leib geschrieben. In praktisch allen meinen Filmen wird etwas  total Fiktives/Absurdes/Traumhaftes im Gewand beiläufiger Alltäglichkeit vorgeführt. Jemand sitzt z.B. in einem Café und sieht draußen Leute ganze Kulturgüter vorbeitragen (NEULICH 1), oder der Protagonist will eine Art Ultraschall von seinem Leib machen lassen und erhält psychanalytische Rohrschachbilder (NEULICH 2); oder der Ich-Erzähler (der bei mir immer ERICH heißt, um die Kopplung von Er und Ich schon im Namen herauszustellen) geht zum Blind-Date und trifft dabei auf die Bundeskanzlerin (SONNTAG 3); etc. Im Film ZENTRALMUSEUM erbt  Erich ein ganzes Museum - schon das ist ebenso möglich wie irreal. Zudem ist meine Technik der zeitgerafften Malerei plus erzählender Stimme per se schon das Medium der Vorstellung: alles was da zu sehen und zu hören ist, suggeriert, dass das Geschehen auf der Leinwand "nur" imaginiert ist; es erhebt nicht den Anspruch, reale Verhältnisse darzustellen sondern repräsentiert "nur" die Fiktion möglicher Verhältnisse. Aus hirnphysiologischer (aber auch philosophischer) Sicht wird dann allerdings die Frage akut: wie unterscheiden unser Gehrin die neuronalen Repräsentationen von Wirklichkeit von denen der Vorstellung.

 

Welche Regisseure/Künstler sind für Sie wichtige Inspiratoren (gewesen)?

Carol Reed (Der dritte Mann), Fellini (8 1/2),  Buster Keaton (diverse), um nur drei zu nennen.


Worin sehen Sie die besondere Rolle des bewegten Bildes in der bildenden Kunst?

Der Vollendungsbegriff wurde, so weit ich weiß, spätetstens in der zweiten Hälfte des 20.Jhs fragwürdig, wenn nicht obsolet (bei Duchamp schon früher). Nicht zufällig machte sich dagegen der Prozess-Begriff stark. Nun hieß es: work in progress, was  zur Folge hatte, dass das Enden und Beenden prinzipiell schwierig wurde. Welches Medium wäre geeigneter als der Film, um dieser Notlage Gestalt zu verleihen und gleichzeitig einen Ausweg anzubieten. Denn Film kann das Kommen und Gehen, das permanente Verändern von Ideen und Vorstellungen zur Schau stellen. Er ist DAS Medium des work in progress. Er eröffnet einen Weg aus dem Dilemma, nicht mehr vollenden zu können. Er kündet prinzipiell von der Flüchtigkeit aller Vergegenständlichungsvorgänge, aller Ewigkeitsansprüche, indem er sie sozusagen als pure temporäre Lichterscheinungen ausweist, 25 Bilder in der Sekunde - und am Ende scheinbar nichts mehr. Er betont das Verändern und relativiert das Bleiben. Allerdings, diese Sichtweise der Kompetenz des Films scheint mir nicht verallgemeinerbar zu sein sondern eher spezifisch auf meine Filme und vielleicht ähnliche Progress-Filme zu passen. Sie hat auch eine schwere Kehrseite: der flüchtige Film bekommt die Flatterhaftigkeit eines Luftikus'. Gegenüber den alt-ehrwürdigen Werken an den Wänden der Museen kann er wirken wie ein unzuverlässiges Leichtgewicht.

 

KINO DER KUNST stellt 2017 die Gegenwart in den Fokus. Wie beobachten Sie als filmender Künstler die sich rapide verändernde Gegenwart?

Wenn man bedenkt, dass Gegenwart die jüngst vergangene Zukunft ist, dann kann man die Gegenwart sozusagen nicht beobachten, da sie in Lichtgeschwindigkeit vorbeiblitzt. Das "rapide Verändern" ist sozusagen ihr Wesen. Gemeint ist mit Gegenwart meist : die aktuellen Themen und Probleme. Was als aktuell oder à jour ausgewiesen wird, sagen uns die Leitmedien. Nicht umsonst wird im Wort Journalismus der Tag betont. Dass sich Dinge heute rapider zu verändern scheinen als in historischen Zeiten, hängt sicher mit dem forcierten Medienkonsum zusammen. Ich gehöre zu den alten Fossilen, die es weniger gern haben, in der Kunst die Zeitung aufgeschlagen zu sehen. Ich mag es z.B. nicht, wenn mir Aufklärer von der Bühne herunter etwas zuschreien, was ich wenig anders gerade im Feuilleton gelesen habe. Mein Respekt vor gutem Journalismus (ich bin fleißiger Radiohörer und Zeitungsleser!) ist so hoch, dass ich mit meinen kleinen Werken nicht in Konkurenz zu ihnen geraten möchte. Selbstverständlich thematisieren alle Künste - explizit oder implizit -  Themen ihrer Zeit. Der Künstler (mag man diesen Begriff eigentlich noch so unbezweifelt gebrauchen?) steht ja nicht anders in der Welt als seine Zeitgenossen. Er sollte allerdings nicht nur "seinen Senf dazu geben" (schon gar nicht im Dienste der aktuellen correctness) , also nicht nur Leitmedien-Meinung repitieren, sondern, ähnlich wie der Traum, eine Transformation der Tagesreste leisten, das Allgemeine im Besonderen aufspüren, das Eigene aus dem Üblichen filtern. Wenn das glückt, wirken Kunstwerke auch nach 200 Jahren noch aktuell. 

 

02.03.2017
(2017-03-02)

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